
Nachkriegsrevolution und Gegenrevolution in der Weimarer Republik
Die umkämpfte Neuordnung des Reiches zwischen 1918 und 1922
von H. Gottfried Dittmann
Die Jahre 1918 bis 1922 waren in Deutschland geprägt von Untergang und Revolution, von Umbruch und Revision.
Nach dem Rücktritt Kaiser Wilhelms II. und der Gründung der Republik blieben auf dem Gebiet des Deutschen Kaiserreiches sowohl Enttäuschte zurück, als auch Visionäre unbefriedigt, die andere, radikalere Wege für ein neues Deutschland ins Auge gefasst hatten.
Diese Kräfte hatten das Potenzial und die Mittel, ihrem Willen mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen. Die Reichswehr stand zudem durch den ersten Weltkrieg hochgerüstet als übermächtige Ordnungsmacht im Landesinneren zu Verfügung und schwankte als Diener politischer Ziele zwischen zwei Lagern hin und her, wodurch sie nahezu nach Belieben das Kräfteverhältnis zwischen Regierung und rechten Revolutionären verschieben konnte.
Doch war die Reichswehr nicht gänzlich gegen Umbruch resistent, sondern hatte mit der Meuterei Kieler Soldaten am 4. November 1918 die Revolution im Deutschen Kaiserreich angeschoben, nachdem von der Seekriegsleitung unter Admiral Scheer der Befehl gegeben worden war die Hochseeflotte in ein letztes, militärisch sinnloses Gefecht gegen England zu schicken. Die Soldatem widersetzten sich dieser Anordnung und gründeten die ersten Soldatenräte, um den Krieg zu beenden und ihren Forderungen nach besserer Führung und mehr Freiheit in der dienstfreien Zeit Nachdruck verleihen zu können.
Im Zuge dieser Ereignisse breiteten sich die Soldatenräte, die von nun an durch die Beteiligung der Arbeiterschaft landläufig Arbeiter- und Soldatenräte hießen, im Eiltempo über das ganze Reichsgebiet aus und übernahmen die Kontrolle über oder gar die Ausführung der Regierungsgeschäfte. Zudem waren sie in unterschiedlichsten Funktionen landesweit damit betraut die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Doch dieser weitgreifende und umfangreiche zivile Aufgabenbereich schwächte im Militär zunehmend ihre Stellung. So wurden die Forderungen nach mehr Mitbestimmung nahezu komplett auf ein minimales Einspruchsrecht gegenüber Offiziersentscheidungen zurück geschraubt.
Doch zu diesem Zeitpunkt war im Deutschen Reich die Monarchie schon längst abgelöst worden. Am 9. November riefen in Berlin nahezu zeitgleich zum einen der aus Kassel stammende Philipp Scheidemann die Deutsche Republik, zum anderen Karl Liebknecht die Freie Sozialistische Republik aus. Kurz zuvor war Prinz Max von Baden nach gut einmonatiger Amtszeit als Reichkanzler zurückgetreten und übertrug Friedrich Ebert von der SPD die Regierungsgeschäfte. Der Kaiser saß in Spa fest und sollte Deutschland nie wieder betreten.
Von nun an galt es eine neue Regierung in einem neuen Staat zu konstituieren. Dies war in einem kriegsmüden und zerrissenen Deutschland ein komplexes Unterfangen, welches aber keine Verzögerungen zuließ. Ebert sicherte sich durch ein Bündnis mit dem neuen Generalquartiermeister Groener die Unterstützung der Reichswehr zu, wodurch er zunächst Großteile der Reichswehr hinter sich wusste.
Doch bereits im März 1920 trat die Schwäche dieses Bündnisses zu Tage, als auf einer Besprechung am 7. März General v. Lüttwitz sich weigerte die Marinebrigaden aufzulösen. Der Konflikt spitzte sich zu und am 12. März ließ Reichswehrminister Noske das Regierungsviertel absichern. Allerdings weigerten sich die Truppen auf andere Reichswehrsoldaten zu schießen, wodurch die Regierung zur Flucht aus Berlin gezwungen war.
Im Zuge dieser Ereignisse kam es ein ganz Deutschland zu massiven Unruhen, da die Arbeiterbewegungen die Republik und vielmehr ihren politischen Einfluss gefährdet sah, und Bürgerwehren aufstellte. Besonders im Ruhrgebiet kam es zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen zwischen Arbeiterverbänden und rechten Freikorps.
Doch bereits am 17. März 1920 war der Putsch von Rechts vor allem am passiven Widerstand der Reichsbeamten gescheitert, so dass die Reichsregierung nach Berlin zurückkehren konnte.
Einen erneuten Höhepunkt der anti-republikanischen Bemühungen markiert das Jahr 1922. Nach mehreren Anschlägen gegen führende Politiker der Weimarer Republik fiel der Reichsaußenminister Walther Rathenau am 24. Juni 1922 einem Mordanschlag zum Opfer. Dieser offene Akt rechter Extremisten löste in der gesamten Republik Bestürzung aus und führte zum so genannten Republikschutzgesetz, welches das Ziel verfolgte, die rechten und monarchistischen Vereinigungen einzuschränken oder auszulöschen.
Literatur
- Dettmering, Erhardt u. Grenz, Rudolf (Hg.): Marburger Geschichte. Rückblick auf die Stadtgeschichte in Einzelbeiträgen, Marburg 1980.
- Franz, Eckhart G. (Hg.): Die Chronik Hessens, Dortmund 1991.
- Hoegner, Wilhelm: Die verratene Republik. Geschichten der deutschen Gegenrevolution, München 1958.
- Michalka, Wolfgang u. Niedhardt, Gottfried (Hg.): Deutsche Geschichte 1918 – 1933. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik, Frankfurt a. M. 1992.
- Sabrow, Martin: Die verdrängte Verschwörung. Der Rathenau-Mord und die deutsche Gegenrevolution, Frankfurt a. M. 1999.
- Stammen, Theo (Hg.): Die Weimarer Republik – 1918-23. Das schwere Erbe (Bd. 1), München 1992. ONLINE VERSION
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