1. Vorspann: Lernen in einem "Digitalen Archiv"
Die Bedeutung des Internets für neue Formen des historischen Lernens
ist in den vergangenen Jahren signifikant angewachsen. Einen
besonderen Stellenwert nehmen hierbei die "Digitalen Archive" ein,
die bisher unzugängliche bzw. nur bei unmittelbarer Recherche vor
Ort verfügbare Dokumente zunehmend auch online präsentieren. Viele
erstmals erschlossene Archivalien stehen inzwischen im Internet zur
Verfügung, und historische Informationen werden insgesamt in einer
kaum noch überschaubaren Fülle im Web angeboten. Für Schülerinnen
und Schüler ebenso wie für Lehrerinnen und Lehrer eröffnen sich so
weitgehend neue Möglichkeiten eigenständiger Quellenrecherche und
Informationsbeschaffung. Andererseits sind die methodischen und
fachlichen Probleme im Umgang mit dem Internet und der "neuen
Unübersichtlichkeit" seiner Hypertext-Struktur schwerlich zu
übersehen.
Insbesondere die einschlägigen Fachzeitschriften haben sich der
Thematik "Geschichte und Internet" inzwischen intensiver angenommen
und leisten nicht zuletzt durch professionell kommentierte
Web-Recherchen eine wichtige Hilfestellung (2). Gleichwohl liegen
konkrete, themen- und lehrplanbezogene Arbeitshilfen für die
Nutzbarmachung der neuen elektronischen Quellen im Fachunterricht
bisher nur in beschränktem Umfange vor (3).
Die vorliegenden Arbeitsvorschläge wollen Anregungen für die
Unterrichtspraxis mit Online-Dokumenten aus dem "DigAM – Digitales
Archiv Marburg" geben, sie folgen dabei dem Prinzip einer "gelenkten
Recherchestrategie". Am Rahmenthema "Nationalsozialistische
Revolution 1933/34" soll den unterrichtenden Kolleg/innen
exemplarisch aufgezeigt werden, wie sie ihrer Lerngruppe bisher
unpublizierte historische Originaldokumente zugänglich machen und in
einen weitgehend selbständigen Lernprozess einbringen können.
Gleichzeitig soll deutlich gemacht werden, wie weiterführende
Sachinformationen zur Einordnung und Bewertung der jeweiligen
Quellentexte durch zielgerichtete Internetrecherche erworben werden
können.
2. Der historische Kontext: "Nationalsozialistische Revolution
1933/34"
Die Etablierung der NS-Diktatur in den Jahren 1933-34 gehört zu
einem Kernbereich des Geschichtsunterrichts in der Sekundarstufe I.
Es geht dabei um die Darstellung und Analyse dessen, was Goebbels
und die Propagandisten des 3. Reichs als "nationalsozialistische
Revolution" proklamiert haben (4). Aber auch im rechts-konservationen
Lager war der Begriff "Revolution" für den Umbruch 1933/34 durchaus
gängig. So sprach Edgar J. Jung gewiss für viele, wenn er die
"deutsche Revolution" von 1933/34 als Gegenrevolution gegen die
Ideen von 1789 verstanden wissen wollte (5).
Der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler hat die Umwälzung seit
dem 30. Januar 1933 zuletzt als "Deutschlands fatale Revolution"
bezeichnet – und nachdrücklich dafür plädiert, den
Revolutionsbegriff auch auf die Etablierung der NS-Diktatur
anzuwenden (6). Die neuartige "totalitäre Revolution", von der Wehler
spricht, steht für ihn vor allem für einen neuen Typus von
Revolution im historischen Prozess, eine Revolution also, die den
klassischen Revolutionen des Westens in ihrem Wesenskern
entgegengesetzt sei: Die "nationalsozialistische Revolution" von
1933 gehöre damit zum Typus der russischen Oktoberrevolution von
1917 wie auch der chinesischen Revolution nach dem Zweiten
Weltkrieg: Revolutionen, die "mit unsäglichen Opfern" eine
totalitäre Diktatur schafften und in der "historischen Sackgasse"
endeten.
Die Etappen der "totalitären Revolution" 1933/34 sind hinlänglich
bekannt, sie seien hier deshalb nur im Überblick dargestellt:
|
Im Anschluss an das Ermächtigungsgesetz vom 24. März (und die
vorangegangenen Reichstagswahl vom 5. März 1933, bei der die NSDAP
mit "nur" 44,3% der Stimmen überraschend deutlich unter der
absoluten Mehrheit blieb) folgten:
-
die Gleichschaltung der Länder am 31. März,
-
der Judenboykott am 1. April 1933,
-
das sog. "Gesetz zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums" am 7. April 1933,
-
das Parteienverbot (und eine Fülle anderer Gesetze)
am 14. Juli 1933,
-
das "Gesetz zur Einheit von Partei und Staat" am
1.12. 1933,
-
schließlich am 30.1. 1934 das "Gesetz über den
Neuaufbau des Reiches",
-
die staatlich sanktionierten Mordaktionen des 30.6.
1934,
-
und am 1. August 1934 das "Gesetz über das
Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches"
Mit dem Ableben von Hindenburgs am 2. August 1934 wurde das Amt
des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers vereinigt.
Gleichzeitig gingen die bisherigen Befugnisse des Reichspräsidenten
auf den "Führer und Reichskanzler" über. Die Reichswehr wurde
umgehend auf Hitler vereidigt und zu "unbedingtem Gehorsam"
gegenüber dem neuen Staatsoberhaupt verpflichtet. Die Etablierung
des totalitären Staates war damit im August 1934 abgeschlossen, der
Übergang von der "kommissarischen zur souveränen Diktatur", wie
Ernst Fraenkel formuliert hat, vollzogen.
3. Zur historischen Problemstellung: Ein "ungelöstes Rätsel" -
wo ist eigentlich die Anti-Hitler-Mehrheit vom März 1933 geblieben?
Die nüchterne Auflistung der Daten der "totalitären Revolution"
wirft allerdings eine zentrale Frage auf. Sebastian Haffner hat
dieses Problem in seinen posthum publizierten "Erinnerungen" aus dem
Jahre 1939 wie folgt formuliert:
"In der Entstehungsgeschichte des Dritten Reichs gibt es ein
ungelöstes Rätsel, das … noch interessanter ist, als die Frage, wer
den Reichstag angezündet hat. Das ist die Frage: Wo sind eigentlich
die Deutschen geblieben? Noch am 5. März 1933 hat die Mehrheit von
ihnen gegen Hitler gewählt. Was ist aus dieser Mehrheit geworden?
Ist sie gestorben? Vom Erdboden verschwunden? Oder, so spät noch,
Nazi geworden? Wie konnte es kommen, dass jede merkliche Reaktion
von ihrer Seite ausblieb?" (7)
Haffners Erklärungsversuch für dieses Phänomen geht ins
Psychologische, wenn er zu deuten versucht, wieso die Leute im März
1933 zu Hunderttausenden der NSDAP beitraten, die vorher gegen sie
gestanden hatten – die sogenannten "Märzgefallenen"
(8) . "Im Augenblick der Herausforderung, wo
bei Völkern von Rasse wie auf Verabredung ein allgemeiner spontaner
Aufschwung erfolgt, erfolgte in Deutschland wie auf Verabredung ein
allgemeines Auslassen und Schlappmachen, ein Nachgeben und
Kapitulieren – kurz und gut: ein Nervenzusammenbruch" (9)
Alleine wird diese Erklärung nicht ausreichen. Nachdrücklich
hervorzuheben ist, dass die "Revolution" von 1933/34 auf einer
"terroristischen Konsensbildung" beruhte: Zum Reservoir totalitärer
Herrschaftstechnik gehörte die Mischung von:
-
scheinbarer Legalität und brutalem Terror,
-
Massenmobilisierung und diktatorischer
Machtausübung,
-
gnadenloser Bekämpfung des politischen Gegners und
zynischer Instrumentalisierung positiver Werte
-
die Verbindung von Tradition und Revolution, von
Rhetorik und Gewalt, von Volksgemeinschaftsparolen und
rassenideologischer Kampfansage.
Zu fragen ist vor diesem Hintergrund vor allem auch
nach der realen Bedrohungssituation der Menschen, ihren
tatsächlichen Handlungsspielräumen und ihrem konkreten Handeln in
der Umbruchsphase von 1933/34.
4. Ausgewählte Fallbeispiele aus dem DigAM :
Alltagssituationen der Menschen unter den Bedingungen der
totalitären Diktatur 1933/34.
Einen wichtigen Aufschluss zur Alltagssituation der Menschen unter
den Bedingungen der totalitären Diktatur 1933/34 vermitteln die im
Hessischen Staatsarchiv Marburg (HStAM Bestand 165 - Preußische
Regierung Kassel, Abt. I) befindlichen Polizeiakten aus dem
Regierungspräsidium Kassel. Eine Bestandsübersicht des HStAM ist im
Rahmen von HADIS (Hessisches Archiv-Dokumentations- und
Informationssystem) im Internet abrufbar, für den Bestand 165 steht
das vollständige Repertorium im Netz. >
http://141.90.2.124/scripts/hadis.dll/home?SID=155F-22D5CCE-BEAF5&PID=9DDA
<
Ausgewählte Dokumente aus der Fülle des dort vorhandenen Materials
sind im Rahmen des Internetangebotes der Arbeitsstelle
Archivpädagogik am HStAM, dem "DigAM – Digitales Archiv Marburg",
inzwischen digitalisiert und online verfügbar gemacht worden. >
www.digales-archiv.net <

Die im DigAM unter der Rubrik „NS-Revolution 1933“
zusammengestellten Quellen vermitteln zu-nächst wichtige
Basisinformationen zum totalitären Umbruch von 1933/34. Hierzu
gehört als Referenzmaterial zunächst die Wiedergabe der
einschlägigen Gesetze und Verordnungen aus dem Reichsgesetzblatt vom
31. Januar 1933 bis zum 2. August 1934. Die Online-Dokumente aus den
Bestand 165 wollen vor allem einen Einblick in exemplarische
Fallsituationen geben, in denen deutlich wird, wie -begründet
insbesondere durch die nach dem Reichstagsbrand erlassene
„Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ vom
28. Februar 1933- Maßnahmen der Verfolgung Andersdenkender von
staatlicher Seite in Gang gesetzt oder toleriert, durchgeführt und
gegenüber evtl. Protesten gerechtfertigt wurden.
Für die Unterrichtsarbeit ausgewählt und didaktisch aufbereitet (mit
Arbeitsblättern) wurden vier Fallbeispiele, die sich im
wesentlichen nicht auf "spektakuläre" Vorgänge der "großen Politik"
im Gleichschaltungsprozess beziehen, sondern die bewusst die
Alltagssituation der Menschen in Deutschland 1933/34 unter den
Bedingungen der totalitären Diktatur dokumentieren sollen. Die
dazugehörigen Arbeitsblätter/Unterrichtshilfen stehen online im
DigAM zur Verfügung, so dass diese Beispiele ohne zusätzlichen
methodischen Aufwand von weiteren Schülergruppen selbständig
erarbeitet werden können. Es handelt sich dabei um:
1. Renitentengemeinde 1933: Inschutzhaftnahme des
Pfarrers Schlunk, Renitentengemeinde in Schemmern, Kreis Eschwege am
2.November 1933 wegen angeblicher "Hetzreden" gegen die
nationalsozialistische Regierung und der Aufforderung, bei der
Volksabstimmung am 12. November 1933 (Austritt aus dem Völkerbund)
mit "nein" zu stimmen.
2. Sterbfritz 1934: Bericht des "Centralvereins deutscher
Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V." Frankfurt an den
Regierungspräsidenten in Kassel über die Lage der jüdischen
Bevölkerung in Sterbfritz, Kreis Schlüchtern vom 9. März 1934 – mit
der Bitte um Einschreiten der Behörde, damit "auch dem jüdischen
Bevölkerungsteil in Sterbfritz der durch die Gesetze gewährleistete
Schutz zuteil" werde.
3. Hausdurchsuchung 1933: Beschwerde des Kaufmanns Hans
Ebert, Gelnhausen, gegen die Durchsuchung seiner Wohnung im Aug.
1933 auf Veranlassung der Ortsgruppenleitung der NSDAP und
Zurückweisung seiner Beschwerde durch den Regierungspräsidenten in
Kassel.
4. SA-Terror in Kassel, März 1933: 23. März 1933 SPD
Bezirksverband Hessen-Kassel an den Regierungspräsidenten in Kassel,
v. Monbart sowie 10. April 1933 Paul Röhle,
SPD-Bezirksparteisekretär und Mitglied des Preußischen Landtags,
Frankfurt, an Reichsminister Hermann Goering, Berlin, mit der Bitte
um Nachprüfung von „Fällen“ in Kassel. Weiteres ergiebiges
Quellenmaterial (z.B. für Referate oder Projektarbeit) bietet
insbesondere der Fall des Rechtsanwalts Dr. Max Plauth.
5. Methodisches Vorgehen – Arbeiten mit den
Arbeitsblättern:
Vorbemerkung: Das vorgestellte Unterrichtsbeispiel richtet sich an
Lerngruppen der Jahrgangsstufe 10, die zuvor im Unterricht
Kenntnisse über den Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft
und die Strategien der Machteroberung im Frühjahr 1933 gewonnen
haben. Erfahrungen in der Computer-Nutzung und im Umgang mit dem
Internet sollten vorhanden sein, um selbständiges Arbeiten zu
er-möglichen. Nicht überall ist über mehrere Stunden hinweg die
problemlose Nutzung eines Computerraumes mit Internetanschluss
möglich. Daher ist es zu empfehlen, die ausgewählten Dokumente zu
speichern und für die Gruppenarbeit Druckexemplare anzufertigen,
sodass die weitere Nutzung des Internets der Recherche anhand der
vorgeschlagenen weiterführenden Links vorbehalten bleibt
Die Auswahl der Dokumente wurde so vorgenommen, dass sich für
Schüler/innen der Realschule und des Gymnasiums in Gruppen- oder
Einzelarbeitsphasen von 2-3 Doppelstunden ein überschaubarer
Zusammenhang erschließen lässt, dessen Auswertung und Präsentation
den Abschluss dieser Einheit bilden sollte. Auch für
Hauptschulklassen ist die inhaltliche Erschließung des Materials gut
zu bewältigen, wenn zusätzliche Hilfen zum Textverständnis gegeben
werden und die Aufgabenstellung teilweise sprachlich vereinfacht
wird. Unproblematisch dürfte eine Erhöhung des Anspruchs für
Gymnasialklassen durch Ergänzung weiterer Texte und Formulierung
zusätzlicher Aufträge zur selbständigen Erarbeitung sein.
Im Rahmen der Projektprüfungen in den hessischen Hauptschulen - und
in Zukunft auch den Realschulen - könnten sich aus der Arbeit an den
Dokumenten interessante Fragestellungen und Themen ergeben.
Vorschlag zum Unterrichtsablauf: Nach der Vorstellung des
Unterrichtsvorhabens, der Besprechung inhaltlicher Schwerpunkte und
organisatorischer Fragen lernen die Schüler/innen in der ersten
Doppelstunde die Website des Digitalen Archivs Marburg kennen, auf
der sie die benötigten Dokumente später selbständig auffinden
können. Sinnvoll erscheint auch die gemeinsame Einführung in die
Le-MO-Navigation, da sich viele Gruppenaufträge auf diese Website
beziehen.
Die inhaltliche Erschließung der Fallbeispiele kann in
arbeitsteiliger Gruppenarbeit vorgenommen werden. Die Lerngruppe
teilt sich in vier Gruppen, in denen die Themen
anhand der Arbeitsblätter (siehe Kopiervorlagen und
Online-Unterrichtshilfen) parallel bearbeitet werden. Durch Hinweise
zur Textauswahl und auf die jeweiligen Texte bezogene
Fragestellungen wird der Zugang zu den Textquellen erleichtert.
Am PC lesen die Schüler/innen die zu ihrer Aufgabe gehörenden
Dokumente und erschließen dann mithilfe des Arbeitsblattes (I) den
Textinhalt in Partnerarbeit oder arbeitsgleichen Kleingruppen. Zur
systematischen Auswertung sind Druckexemplare vorteilhaft.
In der zweiten Doppelstunde beschäftigen sich die Schüler/innen in
arbeitsteiliger Gruppenarbeit am PC mit den zur Einordnung in den
historischen Zusammenhang vorgeschlagenen Themen (II) anhand der
jeweils genannten weiterführenden Links. Anschließend tragen sie
ihre Ergebnisse innerhalb ihrer Themengruppe vor und verständigen
sich über die Form der Präsentation. Diese stellt mit einer
zusammenfassenden Auswertung der Ergebnisse aller Gruppen den
Abschluss dieser Unterrichtsphase dar.
Ob Möglichkeiten zur inhaltlichen Weiterarbeit und Vertiefung, ggf.
auch mit anderen Online-Dokumenten aus dem DigAM und/oder anderer
Internet-Angebote genutzt werden können, wird von den jeweiligen
zeitlichen Bedingungen und der Interessenlage der Lerngruppe
abhängen. Weiterführende Recherchen mit unmittelbarem
Gegenwartsbezug bieten sich z.B. bei dem Thema "Sterbfritz" an: Die
Schülerinnen/Schüler könnten hier der Frage nachgehen, was aus den
auch im Internet dokumentierten, seit mehreren Jahren andauernden
Auseinandersetzungen um die Errichtung einer Gedenktafel für die
jüdischen Opfer dieses Ortes unter der nationalsozialistischen
Diktatur inzwischen eigentlich geworden ist (10).
6. Arbeitsblätter
6.1. Renitentengemeinde 1933
6.2. Sterbfritz 1934
6.3. Hausdurchsuchung 1933
6.4. SA-Terror 1933
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