Dokument 46
Auszug aus dem Brief Ulrichs von Hutten (1488-1523) an den Nürnberger Patrizier Willibald Pirckheimer (1470-1530) über das Leben auf einer Burg, 25. Oktober 1518
Urheber
Ulrich von Hutten (1488-1523)
Datum
25.10.1518
Bestand/Sign.
Druck: W. Trillitzsch, Der Renaissancehumanismus, Leipzig/Frankfurt a.M. 1981, S. 450 ff.
Bestand/Inventar
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Der Auszug aus dem berühmten Brief des Ulrich von Hutten an Willibald Pirckheimer beschreibt in eindringlicher Weise das Leben auf einer Burg.
Auszug aus dem Brief des Ritters Ulrich von Huttens an den Nürnberger Patrizier Willibald Pirckheimer, worin er über sein Leben Rechenschaft ablegt.
[...]Ihr in den Städten - euch fällt es leicht, nicht nur ein friedliches, sondern auch ein geruhsames Leben zu führen, wenn das eurem Wunsche entspricht; glaubst du etwa, wenn ich es wollte, ich würde jemals unter meinen Rittern die Ruhe dazu finden? Hast du denn vergessen, welchen Strömungen und welcher inneren Beunruhigung die Menschen unseres Standes ausgesetzt sind?. Denke nicht [weiter] so und beurteile mein Leben nicht nach dem deinigen.
Bei uns verhält es sich so: Mag ich auch ein noch so prächtiges Erbteil besitzen, so daß ich von meinem Vermögen leben kann - dennoch sind die Beunruhigungen derart [groß], daß sie mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Man lebt auf dem freien Lande, in den Wäldern und auf diesen Burgbergen. Diejenigen, die uns ernähren, sind ganz arme Bauern, denen wir unsere Felder, Weinberge, Wiesen und Wälder zu Lehen geben. Was an Ertrag davon eingeht, ist im Verhältnis zu der Mühe, die darauf verwendet wird, gering und spärlich, doch ist man mit großer Sorgfalt und großem Fleiß darauf bedacht, daß er möglichst reich und lohnend ist; denn wir müssen als Haushälter sehr sorgfältig sein.
Sodann müssen wir uns dem Dienst irgendeines Fürsten verdingen, von dem wir uns Schirmherrschaft erhoffen; wenn ich das nicht tue, glaubt jeder, daß er sich mir gegenüber alles erlauben dürfe, und auch wenn ich es tue, ist diese Zuversicht mit Gefahr und täglicher Furcht verbunden. Denn wenn ich aus dem Haus gehe, muß ich fürchten, denen in die Hände zu fallen, mit denen mein Fürst, mag er sein, wer er will, Händel oder Fehde hat. An seiner Stelle überfallen sie mich und schleppen mich fort, wenn einen das Mißgeschick trifft, zahlt man leicht die Hälfte seines Vermögens als Lösegeld; und so erwächst mir Feindschaft, wovon ich mir Schutz erhofft hatte. Daher halten wir uns zu diesem Zweck Pferde, schaffen Waffen an und umgeben uns mit zahlreichen Gefolge, alles unter großen und drückenden Kosten. Bisweilen reiten wir wohl sogar nicht zwei Morgen weit ohne Waffen aus; kein Dorf kann man unbewaffnet besuchen; auf die Jagd, zum Fischen darf man nur in Eisen gepanzert gehen. Außerdem kommen häufig gegenseitige Streitigkeiten zwischen fremden und unseren Hörigen vor, und es vergeht kein Tag, an dem man uns nicht irgendeinen Streitfall berichtet, den wir sehr vorsichtig schlichten müssen; denn wenn ich zu ungestüm das Meinige in Schutz nehme oder etwa das Unrecht ahnde, entsteht eine Fehde; wenn ich aber zu geduldig Nachsicht übe oder gar von meinem Recht abgehe, dann bin ich sogleich dem Unrecht aller ausgesetzt, denn was man dem einen zugestanden hat, das wollen dann alle als Zugeständnis für eigenes Unrecht eingeräumt haben. Und unter welchen Leuten geschehen derartige Sachen? Nicht etwa unter Fremden, mein Freund, sondern unter einander Nahestehenden, unter Verwandten und Angehörigen einer Familie, ja sogar unter Brüdern kommen sie vor.
Nun, das sind unsere Annehmlichkeiten auf dem Lande, das ist unsere Muße und Ruhe! Die Burg selbst, ob sie nun auf einem Berg oder in der Ebene liegt, ist nicht zur Behaglichkeit, sondern zur Sicherheit erbaut, mit Graben und Wall umgeben, im Innern eng, durch Stallungen für Klein- und Großvieh im Platz begrenzt; daneben finstere Kammern, die mit Kanonen, Pech und Schwefel und dem übrigen Gerät an Waffen und Kriegsmaschinen angefüllt sind; überall der Geruch nach dem Pulver der Kanonen; dann die Hunde und der Hundedreck - auch das ist ein unangenehmer Duft, denke ich! Reiter kommen und gehen, unter ihnen Räuber, Diebe und Mörder; denn meistens stehen unsere Häuser allen offen, da wir entweder nicht wissen, wer der Betreffende ist; oder auch nicht viel danach fragen. Es ist das Blöken der Schafe, das Brüllen der Rinder und Bellen der Hunde zu hören, das laute Schreien der Arbeiter auf dem Felde, das Quietschen und Rattern der Karren und Wagen, ja bei uns zu Hause sogar das Heulen der Wölfe, weil die Wälder ganz nahe sind. Den ganzen Tag gibt es Mühe und Sorge für den folgenden Tag, unablässige Geschäftigkeit und beständige Unruhe: Die Äcker müssen gepflügt und wieder bestellt werden, in den Weinbergen muß gearbeitet, Bäume müssen gepflanzt und Wiesen trockengelegt werden, man muß eggen, säen, düngen, ernten und dreschen; da rücken schon wieder die Ernte und die Weinlese heran. Wenn nun ein Jahr einmal schlechten Ertrag bringt, wie es bei dem unfruchtbaren Klima häufig der Fall ist, dann tritt entsetzliche Not und Armut ein, so daß immer etwas da ist, was einen aufregt, stört, beunruhigt, zermürbt und aufreibt, was einen herbeiruft, wegruft oder hinaustreibt. In solch ein Leben, das zum Studieren geeignet soll, rufst du mich vom Hofdienst zurück, weil er zum Studium ungeeignet sei, und stellst und verankerst mich dort mit Wissen und Willen als in einen erwünschten Lebenshafen; indem du das tust, glaubst du mich in die Ruhe und Stille zu bringen; oder wenn du es nicht glaubst, verbirgst du mir die Absicht, mit der du mir diesen Rat gibst. [...]
Es ist nicht der Ehrgeiz, der mich verführt, sondern eine lautere Absicht, die mich die nötige Ämterlaufbahn durchlaufen läßt. Ich habe auf meinen Ruf zu achten und meine Würde zu wahren, der Tüchtigkeit meiner Vorfahren nachzueifern und das Ansehen der Familie, das mir meine Verwandten zugute halten, zu erhöhen, sowie den Glanz des Geschlechts zu mehren. Wenn ich davon abgehe, dann werde ich mir selber und den Wissenschaften untreu. [...]
Übrigens blickt mein ganzer Stand auf mich: Alle meine Vorhaben, geschweige erst meine Taten beobachten die Menschen. Man verlangt von mir nicht in erster Linie, daß ich meine Schuldigkeit tue, sondern was ihnen als Forderung in den Sinn kommt. Sie erwarten Großes und denken noch Größeres von mir und leiten diese Meinung aus dem Ruhm meines Namens her, den sie nicht richtig einschätzen.
[Zur Information: Ulrich von Hutten wurde 1488 auf der Steckelburg bei Ramholz, heute Stadt Schlüchtern, geboren und 1517 von Kaiser Maximilian als Dichter gekrönt.]
aus: Schnack, Ingeborg: Marburg Bild einer alten Stadt, Honnef/Rhein 1961, S. 461 f.
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